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Am 27.3. ist WELTTHEATERTAG

Am 27.3. ist WELTTHEATERTAG - Foto:

„Kultur und Theater sind ein hohes verteidigenswertes Gut“, so Joachim Lux, der Präsident des deutschen Zentrums des Internationalen Theaterinstituts (ITI), das den WELTTHEATERTAG 1961 ins Leben rief. Seitdem sind es alljährlich international renommierte Theaterleute, die zu diesem Anlass Botschaften verfassen, die sich mit der Bedeutung und Wirkung der Bühnenkunst im gesellschaftlichen Kontext auseinandersetzen.

Vor unserer Vorstellung von Faust um 20 Uhr im KLEINEN HAUS verlesen wir die Botschaft des britischen Schauspielers, Schriftstellers und Regisseurs Simon McBurney. Vor Safe Places um 20 Uhr im STUDIO präsentieren wir den Text von Maya Zbib, libanesische Theaterregisseurin, Künstlerin, Schriftstellerin und Mitbegründerin der Zoukak Theatre Company.

Die Texte aller Botschafter*innen finden Sie hier
 

SIMON MCBURNEY, VEREINIGTES KÖNIGREICH

„Eine halbe Meile vor der Küste der Kyrenaika im Norden Libyens befindet sich eine riesige Felshöhle. 80 Meter breit und 20 hoch. Im hiesigen Dialekt wird es Haua Fteah genannt. Mitte 1951 wurde mittels Kohlenstoffdatierung nachgewiesen, dass der Ort in den letzten 100.000 Jahren ununterbrochen von Menschen bewohnt war. Unter den Ausgrabungsgegenständen befindet sich eine Knochenflöte, deren Alter auf 40- bis 70.000 Jahre geschätzt wird. Als kleiner Junge fragte ich meinen Vater, als ich davon erfuhr: „Hatten die damals Musik?“

Er lächelte mich an. „Wie alle menschlichen Gemeinschaften.“

Er war ein in den USA geborener Prähistoriker und der erste, der am Haua Fteah in der Kyrenaika Grabungen unternahm.

Ich fühle mich geehrt und glücklich, Europa am diesjährigen Welttheatertag zu repräsentieren.

Im Jahr 1963, als die Bedrohung durch einen Atomkrieg die Welt lähmte, schrieb mein Vorgänger, der große Arthur Miller: „Wenn man in einer Zeit schreiben soll, in der die Diplomatie und Politik so furchtbar machtlos sind, muss die zart aber oft lang wirkende Kunst die Bürde tragen, die menschliche Gemeinschaft zusammenzuhalten.“

Die Bedeutung des Wortes Drama geht auf das griechische Wort „dran“ zurück: „handeln, etwas tun“, und das Wort Theater stammt vom griechischen „Theatron“ – wörtlich: „Ort, von dem man zuschaut“. Ein Ort, an dem wir nicht nur zuschauen, sondern sehen, empfangen, verstehen. Vor 2.400 Jahren entwarf Polyklet der Jüngste das große Theater von Epidauros. Es fasst bis zu 14.000 Menschen und die verblüffende Akustik dieses Freilufttheaters grenzt an ein Wunder. Das Geräusch eines Streichholzes, das in der Mitte der Bühne entzündet wird, kann man auf allen 14.000 Sitzen hören. Wie in griechischen Theatern konnte das Publikum nicht nur die Darsteller auf der Bühne, sondern auch die Landschaft dahinter sehen. So verschmelzen nicht nur die verschiedenen Orte, wie die Gemeinschaft, das Theater und die natürliche Umgebung, sondern auch die verschiedenen Zeiten. Das Schauspiel ließ die alten Mythen in der Gegenwart auferstehen, und der Blick über die Bühne hinaus offenbarte unsere fernste Zukunft: Die Natur.

Eine der bemerkenswerten Offenbarungen von Shakespeares Globe Theatre in London betrifft die Sicht. Sie betrifft das Licht. Bühne und Zuschauerraum sind gleich hell erleuchtet. Darsteller und Publikum können einander sehen. Immer. Überall, wo man hinschaut, sind Menschen. So werden wir daran erinnert, dass die großen Monologe etwa von Hamlet oder Macbeth nicht nur private Meditationen sind, sondern öffentliche Debatten.

Wir leben in einer Zeit, in der es schwer ist, klar zu sehen. Fiktion ist allgegenwärtig, und das mehr als jemals zuvor in der Geschichte und Urgeschichte. Jede „Tatsache“ kann angezweifelt werden und jede Anekdote kann sich uns als Wahrheit präsentieren. Eine Fiktion ist in unserer Umgebung jedoch besonders präsent. Es ist jene Fiktion, die uns spaltet. Von der Wahrheit fernhält. Und voneinander. Sodass wir getrennt sind. Völker von Völkern. Frauen von Männern. Menschen von der Natur.

Doch wir leben nicht nur in einer Zeit der Spaltung und Fragmentierung, sondern auch in einer Zeit immenser Bewegung. Zu keinem Zeitpunkt in der Geschichte waren die Menschen so in Bewegung: vielfach auf der Flucht; laufend, schwimmend, wenn es sein muss, migrierend; überall auf der Welt. Und das ist erst der Anfang. Wie wir wissen, besteht die Antwort darauf im Schließen der Grenzen. Im Bauen von Mauern. Ausschluss. Isolation. Wir leben in einer Welt der Tyrannei, in der Gleichgültigkeit die allgemeine Währung und Hoffnung Schmuggelware ist. Und das Kontrollieren von Raum und Zeit ist Teil dieser Tyrannei. Die Zeit, in der wir leben, scheut die Gegenwart. Sie konzentriert sich auf die jüngste Vergangenheit und die nahe Zukunft. Dies hier habe ich nicht. Das da werde ich kaufen.

Und wenn ich es gekauft habe, brauche ich das nächste… Ding. Die tiefe Vergangenheit ist ausgelöscht. Die Zukunft ist ohne Belang.

Viele sagen, das Theater wird oder kann nichts an all dem ändern. Doch das Theater wird nicht verschwinden. Denn Theater ist ein Ort, um nicht zu sagen, ein Fluchtort. Wo Menschen zusammenkommen und sofort eine Gemeinschaft bilden. Wie wir es immer getan haben. Alle Theater haben die Größe erster menschlicher Gemeinschaften: zwischen 50 und 14.000 Seelen - von der Karawane eines Nomadenvolks bis zu einem Drittel des alten Athen.

Und weil Theater allein in der Gegenwart existiert, stellt es diese verheerende Vision von der Zeit in Frage. Immer ist der gegenwärtige Moment Gegenstand des Theaters. Die Konstruktion seiner Bedeutung ist das gemeinsame Werk von Darsteller und Publikum. Nicht nur hier, sondern jetzt. Ohne das Werk der Darsteller wäre das Publikum nicht fähig zu glauben. Ohne den Glauben des Publikums jedoch wäre die Darbietung unvollständig. Wir lachen im selben Moment. Wir sind ergriffen. Leise stockt uns der Atem, sind wir geschockt. Und in diesem Moment entdecken wir durch das Theater die tiefste aller Wahrheiten: dass das, was wir für die privateste Grenze zwischen uns hielten, bildet die Grenze unseres eigenen, individuellen Bewusstseins, das gleichzeitig grenzenlos ist. Es ist etwas, das wir teilen.

Und sie können uns nicht stoppen. Jeden Abend treten wir erneut auf. Jeden Abend kommen Darsteller und Publikum aufs Neue zusammen. Und das gleiche Drama wird neu inszeniert. Denn, wie der Autor John Berger sagte: „Die rituelle Wiederkehr ist im Wesen des Theaters fest verankert.“ Darum war es seit jeher die Kunst der Enteigneten und Besitzlosen, und das sind wir – angesichts der Zerstörung unserer Erde – letztlich alle. Wo immer Darsteller und Publikum zusammenkommen, da werden Geschichten inszeniert, die nirgendwo anders erzählt werden können – sei es in Opern, Stadttheatern oder Lagern, in denen Geflüchtete und Migranten Zuflucht suchen, im Norden Libyens und überall auf der Welt. Dieses Reenactment wird uns auf ewig verbinden.

Und wären wir in Epidauros, so könnten wir aufschauen und sehen, wie wir all das mit einer ausgedehnten Landschaft teilen. Wir sind immer Teil der Natur und können ihr ebenso wenig entkommen, wie diesem Planeten. Wären wir im Globe Theatre, so würden wir sehen, dass uns die scheinbar privaten Fragen alle angehen. Und wenn wir die 40.000 Jahre alte Kyrenaika-Flöte in den Händen halten könnten, so würden wir verstehen, dass Vergangenheit und Gegenwart hier untrennbar vereint sind, und dass das Band der menschlichen Gemeinschaft von Tyrannen und Demagogen nie gebrochen werden kann.“

MAYA ZBIB, LIBANON

„Es ist ein Moment der Verbundenheit, eine nicht wiederholbare Begegnung, die in keiner anderen weltlichen Tätigkeit existiert. Nichts mehr als eine Gruppe Menschen, die sich entscheiden, zu einer bestimmten Zeit, an einem Ort, für ein gemeinsames Erlebnis zusammenzukommen. Es lädt Individuen dazu ein, zu einer Gemeinschaft zu werden, Ideen zu teilen und Wege zu finden, die Last notwendigen Handelns zu teilen… langsam zu ihrer menschlichen Verbundenheit zurückzufinden und nicht die Unterschiede zu betonen, sondern Gemeinsamkeiten zu finden. Es ist der Ort, an dem besondere Geschichten Universalität erlangen. Hierin liegt die Magie des Theaters – dort, wo Repräsentation ihren archaischen Charakter zurückgewinnt. 

In einer Zeit, wo überall in der Welt zügellose Angst vor dem Anderen, Isolation und Einsamkeit herrschen, wird das gemeinsame, hautnahe Sein im Hier und Jetzt zu einem Akt der Liebe. Die Entscheidung, sich vom Streben nach unmittelbarer Befriedigung und eigenen Ansprüchen in unseren von Konsum und Beschleunigung geprägten Gesellschaften frei zu machen, die Geschwindigkeit zu drosseln, zu kontemplieren und gemeinsam zu reflektieren, wird zu einer politischen Handlung, einem Akt der Großzügigkeit.

Wie können wir unsere Zukunft in einer Welt, die nach dem Niedergang der großen Ideologien Jahrzehnt für Jahrzehnt das Scheitern ihrer Ordnung beweist, neu erfinden? Wo Sicherheit und Bequemlichkeit zur größten Sorge und zur Priorität in den vorherrschenden Diskursen geworden sind, sind wir da noch bereit zu unbequemen Gesprächen? Würden wir unsicheres Terrain betreten, ohne den Verlust unserer Privilegien zu fürchten?

Wo schnelle Informationen wichtiger sind als Wissen, Slogans wertvoller als Worte und das Bild eines Leichnams mehr verehrt wird als der Körper eines echten Menschen, da brauchen wir das Theater, um uns daran zu erinnern, dass wir aus Fleisch und Blut sind, und unser Körper Gewicht hat; um all unsere Sinne zu wecken und uns zu ermahnen, dass wir nicht nur mit den Augen allein aufnehmen. Theater ist dazu da, dem Wort seine Kraft und Bedeutung zurückzugeben, und die Diskurse von der Politik zurückzuholen, um sie an ihren rechtmäßigen Platz zu bringen… zurück in die Arena der Ideen und Debatten, dem Ort kollektiver Vision.

Durch die Kraft des Geschichtenerzählens und der Imagination lernen wir vom Theater, einander und die Welt in einem neuem Licht zu sehen, denn inmitten überwältigender Ignoranz und Intoleranz öffnet es einen Raum für gemeinsames Nachdenken. In einer Zeit, in der sich Fremdenfeindlichkeit, Hassreden und Phänomene weißer Vorherrschaft mühelos einen Weg zurück auf die Bildfläche bahnen, nachdem Millionen von Menschen weltweit unter Mühen und Opfern dafür gekämpft haben, sie zu beschämen und in Verruf zu bringen… Einer Zeit, in der Jugendliche erschossen werden oder im Gefängnis landen, weil sie sich Ungerechtigkeit und Apartheid widersetzen… Einer Zeit, in der Wahnwitzige und Rechtsextremisten einige der bedeutendsten Länder der „ersten Welt“ regieren… Einer Zeit, in der sich das virtuelle Spiel mächtiger Kind-Männer zu einem Atomkrieg auszuwachsen droht… Einer Zeit, in der Mobilität nur wenigen vorbehalten ist, während Flüchtende bei dem Versuch, die hohen Mauern eines illusionären Traums zu überwinden, im Meer ertrinken, und immer neue und teurere Mauern gebaut werden… Wo sollen wir unsere Welt hinterfragen, wenn fast alle Medien zum Ausverkauf stehen? Wo sollen wir unsere conditio humana überdenken und eine neue Weltordnung entwerfen, wenn nicht in der Intimität des Theaters – gemeinschaftlich, mit Liebe und Mitgefühl – aber auch durch die konstruktive Konfrontation mit Intelligenz, Resilienz und Widerstandskraft?

Ich komme aus der arabischen Welt und könnte viel von den Schwierigkeiten erzählen, mit denen Künstler*innen bei ihrer Arbeit zu kämpfen haben. Doch die Theatermacher*innen meiner Generation sehen es als Privileg an, keine unsichtbaren, sondern sichtbare Mauern zu bekämpfen. Dadurch haben wir gelernt, aus dem Bestehenden heraus Neues zu schaffen, und Zusammenarbeit und Einfallsreichtum bis an die Grenzen auszureizen: Theatermachen in Kellern, auf Dächern, in Wohnzimmern, in schmalen Gassen und auf den Straßen, und in Städten, Dörfern, Flüchtlingslagern irgendwie ein Publikum finden. Wir mussten bei null anfangen und Wege finden, der Zensur zu entgehen, und dabei trotzdem Grenzen überschreiten und Tabus brechen – das war unser Vorteil. In einer Zeit, wo es weniger Subventionen gibt als je zuvor und politische Korrektheit zum neuem Zensurorgan wird, werden Theatermacher auf der ganzen Welt mit diesen Mauern konfrontiert.

Und so kommt der internationalen Theater-Gemeinschaft im Kampf gegen diese immer zahlreicher werdenden, greifbaren und nicht greifbaren Mauern mehr als je zuvor eine immense Bedeutung zu. Es gilt, mutig und spielerisch neue soziale und politische Strukturen zu erfinden; unseren Schwächen ins Auge zu sehen und Verantwortung zu übernehmen für eine Welt, die wir gemeinsam gestalten. Als Theatermacher mit globaler Vision folgen wir weder einer Ideologie noch einem Glaubenssystem. Was uns verbindet, ist die unermüdliche Suche nach Wahrheit in all ihren Formen, das ständige Hinterfragen des Status Quo, die Infragestellung eines Systems repressiver Macht und zu guter Letzt, unsere menschliche Integrität. 

Wir sind viele, wir fürchten nichts und wir sind da und wir bleiben!“

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